Entfernungen schätzen

Entfernungen schätzen gehört als 3D-Bogenschütze zum „Handwerkszeug“!
Es gibt Möglichkeiten, das Schätzen zu trainieren.
Darrin Christenberry erklärt es in einem Interview!

Thomas Sillmann hält in seinem Blog gute Tipps bereit. Dieses Video mit Tiemo Wolff ist ebenfalls hilfreich:

Mir fällt das Schätzen grundsätzlich schwer, weil ich kein räumliches Sehvermögen habe: eine Sehschwäche aus der Kindheit konnte nicht korrigiert werden, daher sehe ich gewissermaßen „monokular“. Entfernungen sind bei mir lediglich ein bestimmtes Bild, „Bauchgefühl“ und Erfahrung.

Die Entfernung in Teilschritte zu unterteilen, funktioniert für mich nicht, da ich ja auch Teilschritte (beispielsweise 5 oder 10 m) nicht sicher bestimmen kann. „Vertue“ mich nur um 10-20 cm, macht dies auf weitere Entfernungen vielleicht schon einen oder mehrere Meter aus – und damit habe ich natürlich nichts erreicht.

Da ich nicht weiß, wie ein „Normalsichtiger“ sieht, kann ich lediglich beschreiben, wie ich mit dem Thema umgehe:
es gibt bei mir keinerlei Hinweise zu einer Zahl in Verbindung mit einer Entfernung! Autofahren habe ich gelernt, in dem ich mir die Umrisse des Fahrzeugs einpräge (viel mit Spiegeln fahren, beobachten und sich das „Gefühl“ merken) und sie in Relation zur Umgebung setze. Ich mache mir also ein „Bild“, das ich mit Bildern aus der Vergangenheit vergleiche. Sehe ich beispielsweise eine Parklücke, dann schaue ich und das Gefühl entscheidet ob sie passt oder nicht. Im Zweifel macht „Versuch kluch“. Auch Abstände zu Vorder- oder Hintermann im fließenden Verkehr sind immer durch ein Gefühl/Bild besetzt, nie durch eine Ziffer in Metern. Da Fahrzeuge heutzutage immer größer/voluminöser/schneller werden, muss ich diese Bilder immer wieder anpassen.
Den Aufpreis für einen 3D-Kinofilm kann ich mir getrost sparen. 😉 Im Vergleich mit Normalsichtigen sehe ich mit viel Glück etwa 5-10% der Effekte. Und dazu muss ich in unüblichen Winkeln zur Leinwand sitzen, nämlich eher seitlich statt mittig.

Sich die 3D-Ziele einprägen funktioniert bei mir durch das Bilder-Abspeichern ziemlich gut. In Wuppertal haben wir viele Tiere von „Franzbogen“, deren Größen/Umrisse/Trefferzonen ich mir einfach durch die Erfahrung gemerkt habe. Da bei der DFBV-DM ebenfalls Franzbogen-Ziele gestellt waren, empfand ich dies tatsächlich als Vorteil. Denn ich konnte das „Bild“ des jeweiligen Tieres in die Landschaft des fremden Parcours übertragen. 😉
Aber jedes Turnier ist anders, und die Ziele mir unbekannter Hersteller sind dann für einen Kameraden vorteilhafter und für mich eine neue Herausforderung.

Eine weitere Möglichkeit, mit diesen Bildern zu arbeiten: tatsächlich den Daumen zu Hilfe nehmen. Wenn der Franzbogen-Hase hinter dem ausgestreckten Daumen verschwindet, steht er auf … – und der Damhirsch bei gleicher Konstellation auf … Das würde bei mir funktionieren, muss man aber alles vorher ausmessen und ist letztlich nicht praktikabel. Denn man kann ja nicht alle Targets aller Hersteller kennen.

Auf „meine“ Art des Entfernungen-Schätzens und -Lernens ist der Pfeilverlust leider hoch. Denn oft kann ich nur mit „Versuch und Irrtum“ arbeiten, und meine Intuition hilft mir dabei nicht. Das muss man finanziell verkraften oder eben einkalkulieren.

Da ich beim 3D-Masters das erste Mal eine „bekannte“ Runde schießen konnte, wäre das für mich eine weitere Möglichkeit: so viele fremde Parcoure wie möglich mit Range-Finder zu besuchen. Dadurch kann ich Bilder mit Entfernungen verknüpfen und diese ins Verhältnis bzw. in Relation zu einer neuen Aufgabe setzen.
Das geht natürlich nur außerhalb von regulären 3D-Turnieren, da Entfernungsmesser nicht zugelassen sind.

Letztlich muss jeder selbst herausfinden, was bei ihm funktioniert! Vielleicht kennt ja jemand eine verlässliche Methode für „Einäugige“? 😉

5 Kommentare

  1. Sille · April 18, 2016

    Für Einäugige hab ich das Schätzen der Entfernung mit den Ohren erklärt: https://youtu.be/CALb9jN5bPM „Sound Judging“, also das Ermitteln der Distanz anhand der gehörten Flugzeit des Pfeils.

    Danke für die Verlinkung!
    Gruß
    Thomas

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    • Das habe ich mir natürlich ebenfalls ange“hört“. Bei Scheiben auf dem FITA-Platz ist das gut machbar, aber im 3D-Parcours, wo alles anders klingt (Wald ungleich Wiese, Hügel ungleich Flachland etc.), Windgeräusche, Laubrascheln, Regen etc.?

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  2. Heute habe ich einen wunderbaren Vortrag des Neurologen und Hirnforschers Dr. Volker Busch (www.drvolkerbusch.de) gehört. Es ging darum, wie wir Entscheidungen treffen – und als Grundlage, wie unser Gehirn überhaupt „tickt“. Interessant ist beispielsweise, wie unser „Bauchgefühl“ überhaupt entsteht. Erst seit kurzer Zeit weiß man, dass ein Reiz unseren Körper beeinflusst, der dann wieder eine Rückmeldung an eine andere Hirnregion gibt. Erfahrungen werden auf diese Weise wie in einer Bibliothek abgelegt. Und jedes Mal, wenn wir eine Entscheidung treffen (müssen), gehen wir gedanklich in unsere Bibliothek und holen das entsprechende Buch = unseren Erfahrungsschatz hervor. Und dieser Erfahrungsschatz ist anfangs klein (deswegen hat der Mensch Vorurteile und neigt zu zu stereotypem Denken) und wird zum selben Thema nach und nach immer größer. Verstandesentscheidungen werden in völlig anderen Hirnregionen getroffen, und das häufig ohne den „gesunden Menschenverstand“. Und das geht oft schief …
    Wisenschaftlich belegt sinkt die Entscheidungszufriedenheit bei (zu) vielen Informationen. Gibt es im Laden drei Obstsorten, sind wir mit unserer Kaufentscheidung sehr viel zufriedener als wenn es zwanzig Obstsorten gibt!
    Für „banale Dinge des Alltags“ (Shampoo-Marke, Fernsehprogramm etc.) ist (kurzes) Nachdenken vorteilhaft für die Entscheidungsfindung. Für „komplizierte Dinge“ (z.B. Autokauf, Reisebuchung, Auswahl einer Mietwohnung) ist hingegen das Bauchgefühl viel zuverlässiger!
    Interessant, nicht wahr?
    Das passt nun zu meinem Thema des Entfernungschätzens beim Bogenschießen! Natürlich stehen dazu in meiner Bibliothek noch nicht viele Bücher, denn ich schieße erst seit zwei Jahren, habe zweimal die Bogenklasse gewechselt und mein Zuggewicht verändert. Zu Beginn konnte ich die Ziele gar nicht einschätzen, mit der Zeit kann ich abgelegte Bilder abrufen. Dass ich dabei Lehrgeld in Form verlorener Pfeile zahle, ist also ganz normal. Und dies unabhängig davon, dass mein Sehsinn eingeschränkt ist.
    Eigentlich tröstlich, oder? Mit jedem Schuss lege ich ein neues Blatt in meiner Schussbiografie an – entweder in der Kategorie „Ja, kenne ich, Erfahrung bestätigt“ oder „Nein, kenne ich noch nicht, als neue Erfahrung abspeichern“. Diese Erfahrungen füttern dann das Bauchgefühl, das mir, wenn es gut läuft, die richtige Entfernung mitteilt. Bei der Krefelder Pirsch (https://3dbogenblog.wordpress.com/2016/05/02/krefelder-pirsch-2016/) konnte ich das überprüfen: meine Intuition gab mir Entfernungen an, die häufig recht genau waren. Setzte ich mich bewusst darüber hinweg, ging der Schuss daneben. Bei der Dreipfeilrunde kann man es dann ja ausprobieren … Sehr spannend! Gänzlich daneben ging die Sache nur, wenn mich das Ziel irgendwie irritierte. Das war also etwas Neues, auf das ich in meiner Bibliothek nicht zugreifen konnte.
    Gelernt habe ich durch den humorvollen und fachlich hervorragenden Vortrag, dass ich meiner Intuition durchaus trauen darf (nicht nur beim Bogenschießen). Und dass neue Erfahrungen etwas Positives sind, denn daraus entwickelt sich das Bauchgefühl, das mir bei meinen Entscheidungen hilft.
    Zum Schluß gab uns Dr. Busch noch auf den Weg, ab und zu einen „Revolutionstag“ einzulegen. An diesem Tag soll man alles anders machen als sonst. Tee statt Kaffee trinken, mit der Fahrradrikscha zur Arbeit fahren, spazierengehen oder ein Spieleabend statt fernsehen, die Nacht durchmachen, eine neue Sportart ausprobieren, einen Arbeitsablauf verändern, einen Tag den Computer aus lassen, im Zelt schlafen, baden statt duschen, mit den Kindern im Omnibus zum Kindergarten fahren … alle Gewohnheiten ansehen und in den 24 Stunden so viel wie möglich verändern. Eine spannende Idee, die er ebenfalls immer wieder umsetzt (in Abstimmung mit seiner Frau, damit es nicht zu Irritationen kommt 🙂 ). Um uns und unserem Gehirn neue Erfahrungen zu ermöglichen!
    Beim Bogenschießen könnte man beispielweise die Hand wechseln oder ein Visier an- oder abschrauben. Aber es reicht auch schon, sein Training zu verändern, vielleicht mal Walk-Up statt starre Entfernungen. Neulich habe ich mich mal auf einen Stuhl gestellt, um Bergabschüsse zu simulieren. Auch spannend!

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  3. Pingback: Krefelder Pirsch 2016 | 3D-Bogensport
  4. 3D-Bogenblog, Andrea C Schäfer · August 12, 2016

    Dem aktuellen Compound-Magazin
    http://bogensportverlag.com/compound-magazin/ausgaben-2016/compound-magazin-3-2016/index.php
    habe ich eine weitere Technik entnommen: das „Scopen“. Eigentlich für Pin-Visiere gedacht, hilft das sicher auch beim Scope. Hier wird die Größe der Killzone in Relation zum Scope gesetzt. Und bei Standard-Turnieren ist die Killgröße und die Maximalentfernung ja bekannt. Je nach dem, wie das Kill das Scope oder den Abstand zwischen den Pins ausfüllt, hat man also einen Anhaltspunkt für die Entfernung. Das muss man also erst mal ausschießen, aber dann kann diese Technik sicher beim Schätzen helfen.

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