Was hilft bei TP?

Vor einiger Zeit habe ich zusammen getragen, was ich zum Thema Target Panic gefunden habe. Als selbst Betroffene habe ich mich ausführlich damit beschäftigt und Lösungen gesucht. Solange ich noch traditionell geschossen habe, habe ich jeden Strohhalm ergriffen um endlich wieder befreit schießen zu können! Auch mein Trainer hat sich fortgebildet und mit mir verschiedene Übungen erarbeitet. Leider ließ sich mein Gehirn immer nur eine Zeitlang „überlisten“. Während ich bei Demonstrationen oder beim Lehren des Schussablaufs keinerlei Probleme habe, kann ich nicht ankern, sobald ich mich auf ein Ziel ausrichte. Bis zum Auszug geht alles gut, und bevor die Zughand den Kopf berührt, ist der Pfeil weg … der Schuss wird dadurch unkontrollierbar.

Um überhaupt weiter bogenschießen zu können, musste ich eine radikale Änderung herbeiführen: Visierschießen mit dem Compound und Handwechsel. Gewissermaßen ein völliger Neuanfang!

Zum Glück hat mir dies den Spaß am Schießen zurück gebracht! Auch wenn ich immer noch lieber mit dem Flitzebogen auf die Pirsch gehen würde.

Die Target Panic hat die Umstellung aber nicht geheilt! Und da darf man sich auch keinen Illusionen hingeben. Ich weiß gar nicht, ob es eine endgültige „Heilung“ gibt – aber der Umgang damit wurde zumindest bei mir deutlich einfacher. Ich akzeptiere meine Goldangst, lasse mir von der Technik helfen und kann mich besser auf den Schussablauf konzentrieren.

Thomas Sillmann hat eine solche Umstellung als selbst Betroffener ebenfalls hinter sich. Er hat dazu ein paar Videos gedreht, die ich gerne weiterempfehle.
Aber auch hier gibt es keine allseligmachenden Weisheiten, denn die gibt es meines Erachtens nicht.
Zum Einen kritisiert er Mentaltraining. Ja, man kann eine Menge Geld ausgeben, und vielleicht nützt es nichts.
Für mich haben sich jedoch der Fokus und die Konzentration auf einen ritualisierten Schussablauf als sehr wertvoll erwiesen! Das kann man sich erarbeiten, am besten mit einem guten Trainer. Also den Schussablauf detailliert notieren und dies immer weiter weiter verfeinern. Man kann sich zusätzlich zu bestimmten Punkten Code-Wörter erarbeiten, um diesen Schussablauf dann möglichst immer gleich aufbauen zu können (ja, das ist die Krux unseres Sports – hat Thomas im Video gut erläutert). Auch ein bestimmter Atemrhythmus im Schussablauf kann ein solches Ritual sein.
Auch Techniken wie Fokussierung, Visualisierung, positive Bilder entwickeln etc. können helfen.
Um zur Ruhe zu kommen, können Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Meditation, Yoga oder (Selbst-)Hypnose helfen. Vieles davon habe ich bereits in meinem letzten Artikel erwähnt. Das finde ich sowieso sehr wichtig: in sich hineinhorchen, spüren, fühlen … Es hat sehr (!) lange gedauert, und ich übe immer noch daran, bis es mein Trainer überhaupt geschafft hat, mich zum „Wahrnehmen“ zu bringen. Ich hatte keinerlei Körpergefühl, konnte gar nicht spüren, was bei einem Schuss überhaupt passiert … Wie gesagt: ich lerne, und das ist ein langer Prozess, erst recht für Ungeduldige wie mich …😉
Zum Anderen ist Thomas bislang nur auf die technischen Hilfsmittel eingegangen: Clicker für den Recurve – und Back Tension Release-Aid für den Compoundschützen.
Man gebe sich keinen Illusionen hin: die Technik heilt nicht von Scheibenangst! Sorry, dass ich mich wiederhole, aber das ist in sehr wichtiger Aspekt!
Ohne eine grundlegende Gelassenheit und der Abkehr vom „Treffen-Wollen“ nützt auch die Technik nichts …

Inzwischen habe ich zwei Release-Aid-Arten: ein Trigger-Release und ein Back Tension-Release. Da ich auch das Trigger-Release nach „Back Tension-Art“ schieße und beide vom Auslösegewicht gleich eingestellt habe, ist es für mein keinerlei Unterschied, ob ich das eine oder das andere benutze. Ich kann sogar von Pfeil zu Pfeil wechseln und ein identisches Trefferbild erzeugen. Aber, und das ist das Entscheidende: ich kann mit beiden „verziehen“!
Dieses Verziehen ist ein (nur ein!) klassisches Zeichen von Target Panic: du stehst im Ziel, alles passt und im Lösen reißt „es“ den Bogen nach oben. Wenn es gut läuft, steckt der Pfeil noch irgendwo im 3D-Tier oder in der Scheibe. Wenn es schlecht läuft, ist der Pfeil auf Nimmerwiedersehen weg. Ist mein Trainer dabei, fragt er mich, was passiert ist. Klassische Antwort: „ich weiß es nicht“. Es geht zu schnell, in Bruchteilen von Sekunden. Fakt ist aber, dass ich den Fokus nicht bei mir, bei meinem Schussablauf hatte, sondern mich „irgendwie“ auf das Treffen-Wollen/Müssen und das Gold konzentriert habe. Wie gesagt: egal welches Release-Aid. Da hilft nur, beim nächsten Schuss wieder „bei mir“ zu bleiben und ihn geschehen zu lassen. Zulassen, Loslassen … und zufrieden sein! 

Akzeptieren, dass man nicht perfekt ist und es als Mensch auch nie sein wird. Und trotzdem nicht weniger „wert“ ist als der Schütze mit der höheren Ringzahl. 

Der perfekte Schuss wird nicht gemacht, sondern er „geschieht“! Das (ab und zu) zu spüren, ist ein wunderbares Glücksgefühl …

Und so übe ich eben jeden einzelnen Schuss. Müßig zu sagen, dass man auch das lernen muss: es hinzunehmen! Ärgere ich mich über den „Fehlschuss“, werden auch die nächsten nicht besser. Also „abhaken“ und Konzentration auf jeden einzelnen Pfeil.

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Der EINE Pfeil …😉

Es gibt immer noch Tage, vor allem an der FITA-Scheibe, an denen ich 8% aller Schüsse verziehe (das sind dann auch die Tage, an denen ich schnell wieder zur blank bale wechsle, um meine Konzentration und mein Selbstvertrauen zurück zu holen, um dann nach und nach auch wieder eine Auflage mit einzubeziehen). Es gibt aber auch Tage, an denen ich aus anderen Gründen erschöpft, abgespannt und „fertig“ bin … und und da ist Verziehen ein seltener Einzelfall!
An diesen Tagen lerne ich, wie wichtig es ist, den Verstand auszuschalten, „es“ zuzulassen und einfach Freude am Schuss zu haben. Das sind dann auch die Tage, an denen ich erstaunliche Ringzahlen erziele. Gelassenheit ist also EIN Schlüssel, aber sicher nicht der Alleinige. Jedenfalls versuche ich dieses entspannte und doch kraftvolle Gefühl in den „Schießalltag“ zu transferieren.

Irgendwann möchte ich auch entspannt traditionell schießen können, aber diese Baustelle mache ich erstmal nicht mehr auf. Ich habe mit dem Compound genug zu lernen und möchte noch viele weitere Erfahrungen sammeln.
Das Visier hat trotz der vergrößernden Scope-Linse zudem eine gewisse „Abschirmwirkung“, die es erleichtert, den Fokus beim Schussablauf und Fühlen zu halten.

Zum vierten Video von Thomas möchte ich gerne auf den Kommentar von David Neuhaus verweisen, den ich für die Recurve-Schützen wichtig finde. Denn der „OR“-Schütze muss auf die „Wand“ des Compounds verzichten, und der Clicker ist eine Hilfe – würde aber beispielsweise in meinem Fall nichts bewirken, da er zwar die Auszugslänge angibt, aber nicht das fehlende Ankern behebt.

Vermutlich muss jeder Betroffene seinen eigenen Weg finden und aus den verschiedenen Möglichkeiten eine persönliche Strategie entwickeln. Denn auch wenn die Ursache die wiederholte Handlung ist (was Thomas schlüssig erklärt), ist die Wirkung und der Umgang damit sehr individuell zu betrachten. Jedenfalls laufen mir vor allem bei Turnieren immer mehr Schützen über den Weg, die aufgrund Scheibenangst vom Recurve (egal welcher Bogenklasse) oder Langbogen zum Compound umgestiegen sind.
Schade, dass nur wenige offen über ihren Umgang mit der Target Panic sprechen. Andererseits kenne ich Schützen, die anscheinend nicht „anfällig“ sind, obwohl sie regelmäßig Turniere schießen und eine gewisse Erwartungshaltung hinsichtlich ihrer Ergebnisse haben.

P.S.: Thomas Sillmann hat ein Buch zum Thema verfasst (Link s.o.), das ich jedoch noch nicht gelesen habe und daher in einem späteren Beitrag besprochen wird.