Talent?

Neulich habe ich im „Bogenblog“ einen Artikel gelesen, der mir auch jetzt noch zu denken gibt. Der Autor Jean-Christoph von Oertzen führt darin aus, dass nicht Talent der Schlüssel zum Erfolg ist, sondern Disziplin. Er erzählt von einer Kursteilnehmerin, der ein Bogentrainer gesagt hat, dass sie kein Talent zum Bogenschießen habe. Sie hat aber nicht aufgegeben, schießt nun „trotzdem“ und hat Spaß daran!

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie verzweifelt ich war, weil es mit dem intuitiven Bogenschießen bei mir einfach nicht geklappt hat. Irgendwann habe ich meinen Trainer gefragt, wie das sein kann: soviel Leidenschaft und Willen bis hin zur Überforderung und vermeintlich nichts erreicht. Denn ich habe immer gedacht, dass man nur das mit Leidenschaft machen kann, wofür man ein gewisses Talent hat. Und trotzdem funktionierte bei mir wenig, zumindest nicht nach meinen Erwartungen, und nicht nach dem, was ich bei den Trainingskollegen beobachtete. Mein Trainer ist weise, er hat sich auf solche Fragen/Diskussionen nie eingelassen!

Bis zum Lesen des Artikels habe ich die Frage verdrängt. Benötigt es Talent, um etwas mit Freude zu tun und daran zu arbeiten?

Ein Freund von mir singt leidenschaftlich gern! Aber er hat kein Rhythmusgefühl und den Ton halten kann er erst recht nicht. Mir bereitet das regelrecht Schmerzen, wenn wir in einer Gruppe am Lagerfeuer singen und er dabei ist. Denn ich habe ein gutes musikalisches Gehör, eine ausgebildete Stimme – und wenn ich alleine oder in einer Gruppe singe, soll es gut und schön klingen. In einer musikalischen Familie aufgewachsen, habe ich sicher Talent mitbekommen. Singen war nie anstrengend oder „Arbeit“ für mich, egal in welchen Chören bis hin zur Landesauswahl ich gesungen habe. Aus diesem Talent mehr zu machen, hat nicht funktioniert. Anderes war wichtiger, interessanter oder notwendiger, das Geld für Gesangsstunden war eh‘ nie da (auch nicht, als ich für meine Finanzen selbst verantwortlich war). Ich singe immer noch gerne und viel, aber außer dem einen Auftritt pro Jahr in einem Verein wäre mir der zusätzliche Aufwand für ein Weiterkommen zu viel … Aufwand.
Vielleicht wenn ich mal in Rente bin … 😉
Leidenschaft muss also nichts mit Talent zu tun haben. Der Freund „erwartet“ nichts anderes, als mit Freunden zusammen zu sein. Nie würde er Singen „lernen“ wollen, aber er genießt die Gemeinschaft.

Beim Bogenschießen bin ich in einem Prozess. Wo dieser hinführt, weiß ich noch nicht. Die Leidenschaft ist da, definitiv! Aber von einem Talent kann man bei mir wohl nicht sprechen. Talent sehe ich bei einigen Vereinskollegen und Anfängern. Da gibt es welche, die haben ein natürliches Körpergefühl und stehen von Beginn an toll da – das hilft ihnen beim Erlernen eines Bewegungsblaufes ungemein. Andere haben ein „Auge“ oder Gespür für das Ziel, üben wenig und schießen trotzdem Ringzahlen, von denen ich nur träumen kann. Und es gibt die, die Talent haben UND trainieren, und sich so stetig weiterentwickeln. Jeder hat seine eigenen Wünsche, Erwartungen, Bedürfnisse.
Nicht zu vergessen diejenigen, die mit dem Bogen durch den Wald stromern und Pfeile fliegen lassen – einfach zur Entspannung, ohne sich „verbessern“ oder etwas „leisten“ zu wollen. Da ist die Frage nach Talent oder Disziplin völlig hinfällig, weil sie sich diese Frage gar nicht stellen! Und das ist gut so!

Im TV Schiefbahn schießt seit zwei Monaten ein Chinese. Ihn hat die Leidenschaft so sehr gepackt, dass er sich bereits einen hochwertigen Olympic Recurve mit allem Zubehör zugelegt hat, sich täglich Videos von Top-Schützen ansieht und den Stil der Koreaner bewundert und nachahmt. Und er schießt nach dieser kurzen Zeit schon sehr gute Ergebnisse. Ob es die Mentalität ist? Eine chinesische Nachbarin übt jeden Tag am Klavier dieselben Stücke. Ja, täglich mindestens eine Stunde. Sie spielt wirklich gut, aber an diesen wenigen Stücken übt sie trotzdem immer weiter. Dieses Durchhaltevermögen und die Disziplin habe ich im Instrumentalspiel nie aufgebracht, denn ich habe den Unterricht nicht freiwillig genommen! Ich wollte immer nur singen, aber das war in unserem Schulzweig nicht als „Instrument“ anerkannt. Jedes Üben war lästig und ich habe mich gedrückt wo ich konnte. Zumal ich es nie ertragen habe Fehler zu machen … mein „Falschspiel“ hat mich zusätzlich frustriert. Ich habe es daher nur solange ausgeübt, wie mich das Schulsystem dazu zwang.

Es kann auch anders gehen … Ein junger Bogenschütze mit langjähriger Erfahrung beklagte sich neulich, dass er keinen Spaß mehr am Bogenschießen hat. Weil er alle ihm möglichen Turniere in seiner Klasse gewinnt! Gewissermaßen als Autodidakt. Selbst das Ausprobieren anderer Bogenklassen oder -disziplinen hat ihn bislang nicht neu motiviert. Da verliert also jemand die Freude an der Sache, weil er Talent hat und „zu gut“ ist! Erfolg bedeutet also nicht unbedingt, dass man glücklich ist …

Und wie geht es mir?

Nach meinen bisherigen Erfahrungen kann ich lediglich sagen, dass ich ein Talent habe, Anfängern den Einstieg ins und den Spaß am Bogenschießen zu vermitteln und „die Flamme weiterzutragen“. Das ist ein Talent, das ich bereits seit Jahren beruflich in Form von Seminaren, Vorträgen und Artikeln nutze, es hat nun lediglich sein Tätigkeitsfeld erweitert. Und das macht mir Freude!

Mein eigenes Schießen hingegen scheint eher talentfrei zu erfolgen. Es funktioniert nichts „von selbst“, meine Entwicklung beruht auf Arbeit. Schöne Arbeit! Arbeit, an der ich Spaß habe. Denn ich freue mich über jede Gelegenheit den Bogen in die Hand zu nehmen! Aber jeder gute Schuss muss hart erarbeitet werden. Gerade der Compound mit Visier, der/das meine körperlichen Defizite ausgleicht, verlangt im Gegenzug eine hohe Präzision und das Üben an den kleinsten Details. Misst man „Erfolg“ in Ringen oder Punkten, bin ich jetzt gerade mal bei Zahlen angekommen, die ich mir mit dem Jagdrecurve gewünscht hätte … und um die ich meine Intuitiv-Kollegen beneide. Weil viele von ihnen ein Talent besitzen, ob nun körperlich oder geistig, das es ihnen leicht macht.
Bei mir ist nichts leicht! 😦
Und „Gut“ ist anders, aber ich muss es so nehmen wie es kommt.
Denke ich zu viel darüber nach, macht mich das traurig, denn ich würde mir mehr wünschen. Ich bin noch lange nicht soweit, mir einen gerechtfertigten Platz auf einem Treppchen überhaupt vorstellen zu können (und nicht nur, weil in meiner Bogenklasse kaum Frauen antreten). Vielleicht werde ich nie soweit kommen! Der „Eddie the Eagle“ des Bogenschießens. Und auch die „Rote Laterne“ in Würde tragen, weil es das Beste war, was ich an diesem Tag leisten konnte – und trotzdem das Erreichte wertschätzen …

Bleibt also als Motivation nur das Schießen „an sich“. Die Freude den Bogen in die Hand zu nehmen. In dieser Zeit einfach nur bei mir und meinem Schussablauf zu sein. Mich auf mich zu konzentrieren, zu fühlen, wahrzunehmen und zu handeln. In diesem Moment nicht an Vorher oder Nachher denken. Wie es so schön heißt (und doch kaum jemand umsetzen kann): „im Hier und Jetzt sein“.
Ich gebe zu, dass mir das als Motivation oft nicht reicht. Ich möchte eine Entwicklung erleben, und die sieht man auf der kleinsten Ebene eben nur, wenn die Pfeile gruppieren, möglichst über mehrere Passen hinweg. Häufig gelingt mir nicht mal das. Hier hilft, was mir mein Trainer bereits seit längerer Zeit vermittelt: „lethargisch“ denken. Wahrnehmen und erkennen. Aber sich nicht ärgern über vermeintlich Schlechtes, und auch nicht in übersteigerte Euphorie verfallen, wenn es „läuft“. Denn beides führt dazu, dass man sich dem nächsten Schuss nicht mehr mit der erforderlichen Konzentration widmet. Und jeder einzelne Schuss ist die EINE Gelegenheit, sein Bestes zu geben. Selbst wenn das „objektiv gesehen“ nicht viel ist.

Also mache ich weiter. Denn das Bogenschießen gibt mir so viel! Das fängt schon damit an, dass ich das Haus verlasse. Beim 3D die Natur wahrnehme und genieße, Schießen und Wandern kombinieren kann. Kontakte pflege. Mir meine Woche so einteile, dass ich möglichst oft schießen gehen kann. Mich bewege. Eine Beschäftigung ausübe, die Körper und Geist fordert und fördert. Im Training und in Turnieren meine Entwicklung überprüfe. Und dabei Spaß habe!
Das Wichtigste jedoch: Lernen! Nicht nur die Schusstechnik, sondern auch Wertschätzung mir selbst gegenüber, Selbstvertrauen entwickeln, Genuss dessen was man tut, Ziele planen und anstreben, Fehler annehmen und sie als Ansporn sehen, Körpergefühl, An- und Entspannung bewusst wahrnehmen und steuern, auf meine Gesundheit achten, Weitermachen auch wenn es schwer wird, Umgang mit meinen Gedanken, Fokus und Konzentration schulen … und an mir zu arbeiten!

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Archerology – Shooting with Style

(Eine meiner Lieblingsseiten auf Facebook: Archerology)

Hier nun der Link zu dem anfangs erwähnten Artikel. Auch wenn darin eine Werbebotschaft für seine Kurse verpackt ist, hat der Autor es geschafft, dass ich mich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt habe. 😉

Wie seht ihr das: Talent oder Disziplin?
Bestenfalls Talent UND Arbeit?! Und wenn kein Talent da ist?
Welche Erwartungen habt ihr an euch und was tut ihr dafür?