Mentaltraining

Zwei vergebliche Anläufe hat es gebraucht, dann konnten CC und ich uns doch endlich zusammensetzen. „Mentaltraining“ war das Stichwort.
Warum ich mich beim Bogenschießen manchmal so schwer tue, obwohl es verstandesmäßig keinen Grund dafür gibt…
Begonnen haben wir mit etwas, das ich in dem Zusammenhang nicht erwartet hätte: mit der Bedürfnispyramide nach Maslov. Denn um mich individuell coachen zu können, brauchte mein Trainer natürlich mehr Informationen über mich – wie ich „ticke“.

In dieser Pyramide (bzw. in der praktischen Anwendung derselben) wertet man man seine persönlichen Bedürfnisse, von der absoluten Grundlage (dem Wichtigsten im Leben) bis zum „Luxus“. Bei manchen Punkten musste ich lange grübeln, beispielsweise zur Wertigkeit von Arbeit. Da ich verschiedene Tätigkeiten ausübe, musste ich mir überlegen, wie ich sie einordne. Und ob die Wertigkeit einer Tätigkeit zu einem anders angesiedelten Bedürfnis passt.
Daraus entspann sich ein tiefgehendes Gespräch. Dabei habe ich manches preisgegeben, das mich berührt – so etwas geht nur mit sehr großem Vertrauen! Das hätte sicher nicht funktioniert, wenn man sich eben erst kennen gelernt hätte. Aber wenn man schon fast ein Jahr zusammen arbeitet, ist da ein Vertrauensverhältnis, das so einen „Seelenstriptease“ erlaubt.

Nach einer Eis-Pause ging es dann in die Praxis. Nach dem Einschießen ging es ins Eingemachte. Denn leider hatte ich irgendwie wieder eine Blockade beim Ankern entwickelt. Also ging es ums Spüren und Fühlen. Lockern der verkrampften Zughand. Zügiger Auszug und Kontakt kombiniert mit der Ausatmung. Und dann das Einüben eines Bildes, um im Schussablauf einen Film laufen zu lassen. Einen fröhlichen Film, ein lustiges Bild – um die verkopfte Ernsthaftigkeit zu nehmen.
Rein mental dieses Bild durchspielen, die Bewegungen ohne Hilfsmittel vor dem Spiegel durchführen, Schussablauf mit dem Theraband – und deutlich weniger tatsächlich schießen! Und wenn schießen, dann nur mit gründlicher Vorbereitung.

Es gab Hausaufgaben: Tägliches Üben dieser Abläufe!
Das Gute daran ist, dieses Mentaltraining kann man jederzeit und überall machen. Ob morgens im Bett oder in der Mittagspause. Ob bei einer Bahnfahrt oder beim Spazierengehen…
Ähnlich wie bei der progressiven Muskelentspannung (PME nach Jacobsen) erinnert sich die Muskulatur an das Gelernte. Spannung und Entspannung ganz bewusst spüren.

Und das tue ich seitdem. Ich war am 24. Mai sogar „mental“ im Parcours! Da ich an der Waldscheibe üben wollte, bin ich dem üblichen Parcoursweg dorthin gefolgt. An verschiedenen Zielen habe ich nicht den Bogen in die Hand genommen, sondern habe den Schussablauf lediglich anhand der Bewegung memoriert. Das hat mir sehr gut getan, denn ich verspürte keinerlei Unsicherheit. Ich war mir bewusst, dass ich ankern und die Linie aufbauen kann. Und immer lief der Film, um den Ablauf im Unterbewusstsein zu verankern.

Lese gerade einen Roman: Als der Himmel uns gehörte
Es geht um mehrere Sportler (darunter eine Bogenschützin), vor 100 Jahren und jetzt, die alle ein Ziel haben: Olympia.
Eine Langstreckenläuferin lernt ihren neuen Trainer kennen, der sich vorab über sie erkundigt hat. Sie hat bei der 10.000m-Strecke ein mentales Problem.
Der Trainer sagt zu ihr: „Sie sind gut genug. Es gibt nur etwas, das Sie zurück hält. Wie ein Springpferd, dem der Reiter nicht den Kopf freigibt. Wenn es die Hürde reißt, weil eine starre Hand es nicht in die Höhe lässt, sagt das ja nichts über sein Springvermögen aus.“
Mh… kommt mir irgendwie bekannt vor.

Dann wird noch aus William Blakes „Jerusalem“ zitiert: „Bring me my bow of burning gold, bring me my arrows of desire…“ als Zeichen der Kraft – die einen trägt!

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„Wer einen Pfeil in die Luft schießt, trifft den Himmel mitten ins Herz.“
(Urheber leider unbekannt)

„Wenn die Seele bereit ist, sind es die Dinge auch“, sagte Shakespeare.

„Es gibt keinen Weg zum Glück, Glücklich sein ist der Weg!“
(„Buddha“)

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Vielleicht sieht dieses Foto unspektakulär aus, aber für mich ist es ein Meilenstein!
Am 24.05. habe ich das erste Mal intensiv mit den Mentalübungen und Bildern gearbeitet – (u.a.) diese drei Pfeile konnte ich daraufhin achtsam im kompletten (!) Schussablauf auf ca. 18 m abgeben.
Ja, so kann ich arbeiten! Mit diesen Übungen kann ich das Selbstvertrauen aufbauen, meinen Schussablauf geschehen zu lassen. Es wird noch ein langer Weg, aber ich habe den Mut ihn zu gehen!

Mit dem Roman bin ich noch nicht ganz durch, aber die Langstreckenläuferin hat mit Hilfe ihres Trainers ihr mentales Problem in den Griff bekommen. Sie hätte gerne eine Gebrauchsanweisung für das Leben gehabt. Kenne ich! 😉

“ ‚Es kann dir wieder passieren, es ist nicht das Ende der Welt!‘
Zu lernen, dass es auch noch Anderes gibt.
Und es ist ihr wieder passiert (in einem Qualifikationslauf für Olympia). Und es hatte sich angefühlt wie das Ende der Welt.
Es gab keine eindeutigen Antworten, keine Gebrauchsanweisung. Leben war Ausloten. Jedes Mal aufs Neue.“
Sie stürzte dann wieder, war aber entschlossen das Rennen zu Ende zu laufen.
„Eine Kühle war in ihrem Kopf, die ihr erlaubte, glasklar zu denken. Es geht hier um nichts!“

Eine Läuferin zog an ihr vorbei. Und sie konnte aufstehen und das Rennen zuende laufen.
Also wieder das Thema „Loslassen“. Die Autorin scheint zu wissen worüber sie schreibt…

Und so übe ich weiter: rein gedanklich, mit Bewegungen, mit dem Theraband, mit den Bildern im Kopf… und habe Freude am Schussablauf!
„Lethargisch sein“, den Gedanken, den CC einem Trainingskollegen mitgegeben hast, passt gut dazu. Es kann wieder passieren – „so what!“
Das ist und wird nicht einfach für mich, aber ich spüre dass es der Weg ist. Eine Herausforderung wird es bleiben, solange das alles noch nicht gefestigt ist. Und festigen kann es sich ja nur durch Erfahrung. Daher gönne ich mir die tägliche Erfahrung des Übens. Und obwohl ich seit Tagen keinen Bogen mehr in der Hand hatte, wissen die Muskeln, was sie tun. Im Spiegel sehe ich eine selbstbewusste Bogenschützin in einer tollen aufrechten Körperhaltung und „fast perfekten“ Linie. Dieses Bild festhalten und den Selbstwert wirklich verankern, so dass aus Unsicherheit Sicherheit werden kann. Ich weiß was ich kann, und wenn ich es nicht kann, ist es nicht das Ende. Ich mache einfach den nächsten Schuss…
Puh, anstrengend! :yes:

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myMonk.de

Am Donnerstag habe ich ein paar Pfeile im Garten fliegen lassen. Mit der entsprechenden mentalen Vorbereitung konnte ich sehr bewusst schießen. Es ist immer noch deutlich „schwieriger“ als wenn ich rein mental arbeite – aber je mehr Erfolge ich mental abspeichere, desto sicherer werde ich auch mit dem Bogen werden.
Bin gespannt, wie diese Entwicklung weitergeht! :yes:

Ein Kommentar

  1. Pingback: Target Panic | 3D-Bogensport

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