„Zurück in die Gegenwart“

Was für eine Woche!

Der Titel des vierten Star Trek-Films beschreibt es wohl am besten.
„Alles auf Anfang“ oder „Zurück in die Zukunft“ wäre genauso gut… 😉

Meine „Ankerphobie“ wurde immer schlimmer. Samstag vor einer Woche konnte ich nicht einmal mehr im Training bei CC ankern! Ich stellte mich an, als ob ich nie einen Bogen in der Hand gehabt hatte. Vermutlich schlimmer… :no:
Der Reisende hat mich schon oft gewarnt, dass ich zuviel und zuviel durcheinander mache. Aber ich wollte doch nur den Stand erreichen, den ich nach einem Jahr meinte haben zu „sollen“ oder „müssen“. Trotz meines nur rudimentären räumlichen Sehvermögens – weswegen ich deutlich mehr Technik lernen muss, um das Handicap kompensieren zu können (damit habe ich lange Erfahrung, sonst hätte ich weder beruflich fahren noch z.B. Rettungswagen „auf den cm“ einparken können). Und trotz der Tatsache, dass nun mal jeder sein eigenes Tempo hat.

Jedenfalls war ich nach dem letzten Training ziemlich verzweifelt. CC hat es sich ebenfalls nicht erklären können. Wie Sonntag und Montag verlaufen sind, habe ich je bereits geschildert.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch schlug meine chronische Nervenerkrankung mit voller Macht zu (unterschwellig merke ich schon länger, dass da wieder etwas „im Busch“ ist, spätestens seit der Reha)! Die halbe Nacht nicht geschlafen, zu spät Schmerzmittel eingeworfen und am Mittwoch erstmal krank gemeldet. Ich schleppte mich durch den Tag, war dann am Donnerstag bei meinem Hausarzt und habe mir stärkere Schmerzhemmer verschreiben lassen. Dass meine Krankheit für die Mediziner „interessant“ ist, sieht man daran, dass ich am Donnerstag noch meinen Neurologen angerufen und für kommenden Montag einen Termin bekommen habe… Das ist das einzig Gute an dieser Krankheit, man bekommt auch als Kassenpatient zeitnah Termine (o.k., nicht im MRT) und Ober- und Chefarztbetreuung. ;D
Vielleicht ist es aber auch nur eine meiner kaputten Bandscheiben. Man wird eben nicht jünger… 😀

Abends traf sich wie jeden Monat unsere Coaching-Gruppe. Ich konnte dort mein Thema einbringen. Einer der wenigen „Räume“, in denen ich Schwäche eingestehen kann. Denn jede von uns ist dort, um an sich zu arbeiten. Ich beschrieb also mein Problem (ich bin die einzige Bogenschützin), und eine Kollegin erzählte, dass sie das so beim Singen verspüre. Darauf ich, dass ich merkwürdigerweise überhaupt kein Problem habe, vor Publikum zu singen oder zu referieren – aber ausgerechnet beim Bogenschießen nichts klappt, obwohl mir das so wichtig ist!
Eine andere Kollegin verglich mich dann mit ihrem trotzigen hochbegabten Sohn. Dem war so vieles zugeflogen – und wenn er einmal etwas nicht konnte und dafür „arbeiten“ musste, wurde er wütend und drangsalierte seine Umgebung. Ich solle doch dankbar für das sein, was ich alles könne! Puh, starker Tobak – ich fühlte mich gemaßregelt und gedehmütigt, aber auch erkannt. Denn tatsächlich ist mir vieles im Leben leicht gefallen… Sie meinte: „dann streng‘ dich einfach mal an!“ Die Gruppe wird ja von unserer Psychologin/Coachin moderiert. Ich war ziemlich fertig, aber ich erkannte schließlich im Gespräch, dass die Kollegin das wirklich wohlwollend meinte – und recht hat!
Sehr nachdenklich fuhr ich nach Hause…

Gestern Abend war ich beim Hallentraining in Schiefbahn. Trotz der Schmerzen und der Medikamente wollte ich mir das nicht nehmen lassen.
Trainer Michael sah, wie ich mich abmühte und einfach nicht ankern konnte! Er hat mich gestern ja nicht das erste Mal gesehen, und auch gestern hat er mir wieder einen guten Tipp gegeben – eher eine Aufgabe:

Den Schuss mit geschlossenen Augen aufbauen! Erst wenn ich im Anker und in der Rückenspannung/Linie steht, darf ich die Augen öffnen, korrigieren und schießen.
„Beherrscht der Bogen dich oder beherrschst du den Bogen?“
Oh, war das schwer! Aber ich habe es durchgezogen! Ich konnte eine halbe Stunde kontrolliert schießen! Allerdings konnte ich mich dabei nicht mehr richtig auf die Technik konzentrieren, aber das war für Michael völlig in Ordnung. Die Baustelle war ja offensichtlich, zuviel durfte ich nicht auf einmal von mir verlangen… Bei jedem Schuss habe ich geankert und stand in der Spannung!
Kleine Defizite hatte ich noch beim bewussten Augenöffnen und Korrigieren – aber ich erkannte sofort am Treffer (oder eben nicht) auf der Scheibe (absichtlich ohne Auflage, aber sie hatte ein großes gelbes Mittelteil, eigentlich eine Compoundscheibe), wann ich zu schnell war.

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Ich bin mit einem deutlich besseren Gefühl nach Hause gefahren!
Aber bewähren würde sich die Übung erst, wenn ich alleine arbeiten muss…

Heute morgen bin ich mit einem etwas flauen Gefühl zum Platz gefahren. Würde ich die Übung umsetzen können? Ich war ganz froh, dass noch anderes zu tun war, z.B. Kuchen essen mit unseren holländischen Gästen Nico und Natasha und das Aufräumen von weiterem „Schießmaterial“, das die beiden uns gebracht hatten.
Natürlich wäre ich gerne mit den Gästen, Mike, Gerhard und Stephan auf den Parcours gegangen – aber nein: ich hatte eine Aufgabe! Und die würde ich im Parcours nicht erfüllen können!

Es ist mir gelungen! Auch wenn es schwer war!
Zum Einen habe ich insgesamt deutlich weniger geschossen! „Haute“ ich sonst an einem JBC-Tag schonmal Pfeile im deutlich dreistelligen Bereich heraus, habe ich heute lediglich „zweistellig“ geschossen.
Jeden Schuss habe ich mit „Sammeln“ und Durchatmen begonnen.
Jeden Schuss konnte ich mit geschlossenen Augen aufbauen.
Ich habe jedesmal geankert!
Ich stand jedesmal in der Spannung!
Wie am Freitag gelang es mir nicht immer, das Augenöffnen und Korrigieren hinzubekommen. Aber darüber habe ich mich dann nicht geärgert, sondern mir gesagt „beim nächsten Mal geht es wieder besser“. Und dem war so! Manchmal habe ich den Pfeil nicht mal auf der Scheibe untergebracht, und musste ihn irgendwo auf der Schießbahn einsammeln. Das konnte ich schon fast amüsiert sehen, da war ich wenigstens in Bewegung… 😛
Und ich habe Pausen gemacht! Denn es war geistig extrem anstrengend!

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Drei weitere Pfeile hatten „gestreut“. :.

Nachmittags konnte ich bei Jens ein paar Mal „auf Ansage“ schießen. Da war dann die Aufgabe, den Schuss auf Kommando mit offenen Augen aufzubauen. Das gelang mir gut – denn da konnte ich die Kontrolle abgeben! Ich musste ja nur tun, was mir gesagt wurde… Nicht hinterfragen, einfach machen. 😉

Ansonsten habe ich meine von Michael gestellte Aufgabe durchgezogen!
Was mir noch nicht recht gelang, war das Genießen in den Schussablauf einzubauen, wie es mir CC aufgegeben hat.
Es war eher so, dass mein „innerer Kritiker“ (=Perfektionismus) von außen auf mich geblickt hat, „ob ich das nun schaffe“. Aber dieser innere Kritiker musste sich „geschlagen“ geben, denn ich habe es wirklich geschafft, bei jedem Schuss zu ankern. Das Genießen kommt jetzt – in dem Moment, in dem ich dies schreibe! B)

Das Wetter wurde im Laufe des Nachmittags immer schlechter, aber es hat mir nichts ausgemacht, da ich passend angezogen war. Außerdem hatte ich Glück: als Linksschützin hatte ich Wind und Regen im Rücken. ;D
Und ich konnte neben Anderen stehen und schießen! Die Anwesenheit meiner Vereinskameraden hat mich nicht (mehr) behindert, denn ich habe ja einfach die Augen geschlossen. So war ich bei mir – und ich habe auch nicht geschaut, wie die anderen schießen. Es war einfach egal…

Körperlich und psychisch bin ich heute völlig fertig – aber ich erlaube mir, mich zu freuen!
Ja, ich habe heute etwas geschafft! :yes:

Mir ist völlig bewusst, dass die Aufgabe eine „Krücke“ ist! Irgendwann will ich ja „befreit“ schießen können.
Aber zum Laufen lernen braucht es eben Unterstützung. Ich musste 2007 nach meiner ersten OP zehn Tage an „Krücken“ gehen. Das war nicht schön, aber notwendig. Und irgendwann brauchte ich die Krücken nicht mehr.
Die Aufgabe findet zudem erstmal an der Scheibe statt. So schön der Parcours auch ist, aber so wie mein Trainingskollege Sebastian den Wert dieses Trainings erkannt hat, so werde ich mich jetzt erstmal auf die Basics konzentrieren. Hilft ja nix… B)

Da ich fest der Meinung bin, dass man bekommt was man braucht, „passte“ auch der Rest des Tages. Beim Autofahren musste ich sehr aufpassen, weil ich überwältigt war von dem, was ich heute erlebt habe. Hat aber alles gut geklappt: gelernte Technik, Routine und Intuition… das ist es, was ich irgendwann vielleicht mal beim Bogenschießen habe. Ich fahre seit 1980 – und nehme erst seit einem Jahr den Bogen in die Hand. Was erwarte ich da eigentlich von mir?

Für Außenstehende klingt es vermutlich merkwürdig, aber mein Bogen „will“, dass ich gut schieße! Der Sniper gibt alles – aber nur wenn auch ich alles gebe… 😛

Bevor sie ins Altpapier wandern sollten, habe ich ein paar ältere Ausgaben der „TB“ mit nach Hause genommen. Zwischen den Saunagängen schlug ich eine Ausgabe auf… und wusste: Angelika hat dieses Editorial 2012 geschrieben, damit ich es heute lesen kann!
(zur besseren Lesbarkeit auf das Bild klicken)

TB64

Mir fiel auf, dass ich das erste Mal seit längerer Zeit nach dem Training keine Schmerzen hatte! Erst jetzt kommt der chronische Nervenschmerz wieder ein wenig durch, aber das ist gerade gut auszuhalten.
Lediglich beim Turnier hatte ich wenig Schmerzen, da ich mich tüchtig bewegt habe – ansonsten war das statische Stehen an der Scheibe (hinterher)… schwierig.
Die Sauna im Haus ist nach über zwei Monaten endlich wieder repariert! „Meine“ Sauna hat mir so gefehlt! Normalerweise schwitze ich einmal wöchentlich, aber Besuche in einem Saunacenter kann ich mir leider nicht oft leisten. Ich habe es heute besonders genossen!

Der Reisende hat diese Woche angekündigt, dass er mein Training umstellen möchte, um an meinen mentalen Themen zu arbeiten. Darauf freue ich mich schon sehr! Außerdem habe ich ihn um einen Trainingsplan gebeten, damit ich nicht mehr so herumstümpern muss. 😉

Heute bin ich dahin zurück gegangen, wo ich von Anfang an hätte stehen sollen, nämlich an den Anfang! 💡
Mir ist jetzt klar, dass ich mich schon am ersten Tag (15.02.2014) meiner Bogen-„Karriere“ unter Druck gesetzt habe!
Statt einfach zu sagen: das ist etwas, das du noch nicht kennst und noch nicht kannst – aber etwas, dass du „können“ möchtest! Nur dass ich das „Können“ mit „Lernen“ verwechselt habe!
Und das Lernen hört bekanntlich beim Bogenschießen nie auf. 😉

Ich stehe jetzt am Anfang – und möchte lernen!

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