Selbstwert und Glaubenssätze

Die „Ankerbremse“ war doch nur ein Trugschluss. Und trotzdem ist die Atmung ein Thema!

Von Mittwoch bis gestern habe viel geübt, aber die Erkenntnisse kamen erst gestern Nacht.
Am Mittwoch war ich noch im Gelände gewesen. An der Scheibe geübt. Es lief nicht so gut, war aber durchaus noch in Ordnung. Dann kam ein Vereinskollege, der viel „schwätzt“ und beim Training häufig schwänzt. Allerdings hält er sich für ziemlich cool. Er schießt, und fabriziert auf 15 m eine solch schöne Gruppe, dass er schon aufpassen musste, sich keinen Pfeil zu zerstören. Eigentlich ist mir egal, wie jemand schießt, da ich versuche mich auf mich selbst zu konzentrieren (dazu habe ich den Kollegen „genutzt“ und ihn reden lassen). Aber beim Pfeileziehen konnte ich die schöne Gruppe nicht übersehen! Auch seine nächste Passe war schön, und mein Trefferbild auf 10 m hingegen jämmerlich. Als er mich fragte, ob ich in den Parcours mitkomme, habe ich dankend abgelehnt. Alleine konnte ich mich dann wieder besser konzentrieren. Dann kam ein Ehepaar, das letzten Sommer mit dem Bogenschießen begonnen hat. Wegen einer OP und dem Winter hatten sie fünf Monate ausgesetzt. Wir griffen also zu unsern Bögen, und der Kollege schoss eine genauso schöne Gruppe wie der Kollege zuvor! Obwohl er fünf Monate keinen Bogen in die Hand genommen hatte! Und ich? Ich bemühe mich, arbeite, kenne meine Baustellen – und dann das…
Ein wenig habe ich noch geübt, dann habe ich im Parcours nur wenige Ziele ausgesucht. Die Ankerbremse hat nicht funktioniert, das Trefferbild war trotzdem gar nicht so schlecht. Aber etwas nagte in mir.
Am Donnerstag habe ich mir zuhause den Langbogen zur Hand genommen. Einfach ein paar Zugübungen, um die Ankerbremse zu üben, also ohne Pfeil und Ziel. Ich stellte mich so auf, wie ich normalerweise beim Schießen stehe – und produzierte einen grandiosen Leerschuss! Der Bogen flog mir aus der Hand – ich bin furchtbar erschrocken! Aber die Ankerbremse funktionierte… zur Sicherheit habe ich mich bei den weiteren Übungen zum Fenster hin aufgestellt, da ich niemals darauf schießen würde. Und konnte dann tatsächlich kontrolliert ausziehen, in die Linie gehen und absetzen.

Am Freitag wollte ich wieder mal in die Halle. Ich habe fast den ganzen Tag mit einer Art Panikattacke verbracht – denn da würden ja wieder Leute sein! Man kann das schlecht beschreiben, aber die Angst zu versagen war übermächtig. Ich habe abends trotzdem allen Mut zusammen genommen und bin nach Schiefbahn gefahren. Das war auch gut so! Andy aus der Trainingsgruppe war da, und wir konnten am Ende der Halle beinahe nebeneinander stehen. Ich musste mir die Scheibe nur ein paar Passen lang teilen, und das kleine Mädchen (obschon Deutsche Meisterin in ihrer Klasse) hat mich nicht verunsichert. Als sie sich die Sehne anschlug, konnte ich ihr sogar mit meinem Münztrick helfen (kalte Münze auf die Stelle drücken, bis die Münze warm wird, dann drehen. Ggf. die Münze eine Zeitlang in eine kalte Umgebung legen und weiter drücken.). Es war keine Auflage auf der Scheibe, ich hatte lediglich den Kreis eines Scheibeneinsatzes als groben Richtwert. Jedenfalls konnte ich eine Stunde konzentriert üben! Die Ankerbremse war zwar nicht da, aber ich konnte gut in die Linie gehen. Allerdings ließ nach der Stunde die Kraft nach und ich meinte etwas erzwingen zu müssen. Das klappte natürlich nicht. Mit einem Pfeil genau in den nicht vorhandenen Spot ließ ich es bewenden. Ein für mich erfolgreicher Abend! Nach den vielen Stunden der Verunsicherung konnte ich den aber gar nicht richtig genießen…

Am Samstag war dann Training bei CC. Ich deutete lediglich an, wie es mir meine letzten Übungseinheiten ergangen war und er erläuterte mir die richtige Atemtechnik. Beim Umsetzen fiel mir dann aber wieder schwer in den Anker zu gehen. Ohne Ankerbremse meinte ich auch, nicht genug Luft zu haben. Am schwersten fiel mir jedoch das Fühlen des guten Ablaufs! Dabei wird eigentlich alles leicht, wenn ich erst mal ankere und in der Linie stehe! Diese Leichtigkeit, dieses Genießen sollte ich bewusst in den Ablauf einbauen.

Don’t let anyone kid you. Practice does not make perfect. We humans can always mess things up. But practice embeds the skills and processes for whatever you are doing, and makes them permanent. And this increases our chances of success.
Adam Cowming

Gestern hatten wir im Verein erst einmal zu tun. Nico brachte uns die neuen Ziele! Damit können wir den Parcours zum Turnier ausstatten. Zwei wunderschöne Geparden waren dabei. Ich musste an meine wundervolle Zeit in Südafrika zurück denken, in der ich unter anderem mit Geparden gearbeitet habe. Mein wahr gewordener Traum…
Am liebsten hätte ich einen der Geparden mitgenommen. Und schießen mag ich natürlich gar nicht darauf.
Jedenfalls räumten wir die Ziele erst mal weg, und dann konnte ich erst den Bogen schnappen. Zum Glück war ich alleine auf der Schießbahn! Eingedenk meiner letzten Tage dachte ich „zurück auf Anfang“! So habe ich mehrere Passen auf 5 m geschossen. Und die sind mir auch gelungen, ohne Ankerbremse, aber konzentriert und mit der am Samstag besprochenen Atemtechnik. Ich habe wieder gespürt, wie es funktioniert – funktionieren kann! Alle Passen ergaben schöne Gruppen, o.k., mal ein Ausreißer dabei, aber dann wusste ich sofort, was gefehlt hat.
Drei Passen auf 12 m, da kam wieder Unsicherheit auf, aber die letzte Passe war ordentlich. Nochmal auf 5 m zurück und diese Einheit gut abgeschlossen!
Vielleicht hätte ich es einfach dabei bewenden lassen sollen…
Aber es kam anders. Trainingskollege Stephan war mal wieder da. Er gehört ja eher zu den Schönwetterschützen, außerdem hatte ihn die Grippe eine Zeitlang niedergestreckt. Mit den drei anderen Vereinskollegen wäre ich niemals auf den Parcours gegangen (da war sie wieder, die „Angst vor Leuten“!). Aber mit Stephan traute ich mich – allerdings musste ich ihn dazu „einweihen“. Schwäche einzugestehen fällt mir schwer, aber mir war wichtig, dass er sich nicht wundert, wenn ich etwas ausprobiere. Trotzdem fand ich wieder meinen Anker nicht. Zwischendurch gelang es ab und zu, und das waren gute Treffer! Langsam schwante mir etwas…

Your goals are best served when you focus your energy on things that are within your control. Your thoughts are within your control. Your thoughts direct your focus, beliefs and performance. Think about failure and you become fearful. Think about errors and they are yours. Think about your strengths and you feel strong. Think that you CAN, and you WILL!.
Terry Orlick, PhD

Wir haben ein bewegliches Ziel, den Geist! Das Ziel löst man selbst aus, wenn man in der Zugspannung steht.
Das ist mir wunderbar gelungen! Insgesamt habe ich das Ziel viermal beschossen. Und jedes Mal war ich konzentriert, die Zughand im Anker, die Linie korrekt… und ich konnte warten auf den richtigen Augenblick! Ich wusste, der Geist läuft mir gewissermaßen in die Schusslinie, ich musste nur rechtzeitig lösen. Was für ein Gefühl! Ich hatte die volle Kontrolle über meinen Schuss! Ich konnte atmen, im Bauch! Und es fühlte sich so gut an!
Ich habe mich von Stephan filmen lassen, zum Glück macht meine Not-Kamera auch Videos. Diese Videos haben es bestätigt, ich stand ganz ruhig „gespannt-entspannt“ in der Linie!

Nachts lag ich lange wach. Das Thema Atmung beschäftigt und begleitet mich als Asthmatikerin ja schon lange.
Und es fiel mir wie „Schuppen aus den Haaren“: statt entspannt in den Bauch zu atmen, zeige ich angesichts Scheibe oder Ziel nur „Stressatmung“. Die kommt aus dem beengten Brustkorb. Kein Wunder habe ich dann das Gefühl, dass mir die Luft ausgeht!
Bin ich unter Trainer-Betreuung, gelingt es mir zumindest, tiefer und entspannter zu atmen. Aber mir selbst mache ich Druck.
Warum???
Auch hier fühle ich mir der Antwort näher. Da ist die „Angst vor Erfolg!“ Denn wenn ich entspannt, konzentriert und technisch gut schieße, ist auch das Trefferbild entsprechend!

Warum kann ich das nicht genießen?
Ich erinnerte mich an das Training, im Schussablauf -ganz wichtig!- das Genießen einzubauen. Aber soweit komme ich ja kaum, da der Pfeil schon vorher weg ist. Und dann halte ich lange nach, weil das Bewusstsein länger braucht im Ziel zu sein als der Pfeil.
Ich möchte so gerne genießen! Am „Geist“ ist es mir gelungen! Es war warm und sonnig, die Luft roch nach Frühling, ich hatte Luft, konnte frei und gut aus dem Bauch atmen und es gab nichts Schöneres und Wichtigeres als den Pfeil fliegen zu lassen! Und zu wissen, in dem Moment habe ich mein Bestes gegeben, egal ob der Pfeil trifft oder nicht. Was er dann aber durchaus oft tut…

Warum gönne ich mir diesen Erfolg normalerweise nicht?

Ich erinnerte mich an das Thema „Glaubenssätze“, das mir in der Psychologie schon häufig begegnet ist. Mit meiner Therapeutin habe ich daran viel gearbeitet. Und trotzdem falle ich immer wieder in die alten Muster zurück.
Dass sie mir auch beim Bogenschießen vor die Füße fallen würden… damit hatte ich nicht gerechnet!

Warum „darf“ ich nicht erfolgreich sein?
Solange mein Selbstbild an negativen Glaubenssätzen hängt, „kann“ ich nicht erfolgreich sein!
Und ich weiß, dass damit auch zusammenhängt, dass es in meiner selbständigen Tätigkeit so zäh läuft.
Nun ist das Bogenschießen ja ein reines Hobby – ich könnte es also noch viel entspannter sehen als mit meiner Beratungs- und Seminartätigkeit, mit der ich immerhin Geld verdiene. Aber das Muster ist dasselbe! Und unabhängig vom Geld ist mir das Schießen wichtig!

Eigentlich eigenartig… da arbeite ich in Südafrika mit Löwen und anderen Großkatzen, ich habe soviel Kompetenzen in verschiedenen Bereichen, kann gut anleiten, motivieren und beraten… aber mir selbst etwas Gutes zu tun fühlt sich oft nicht „richtig“ an. Als ob ich es nicht verdient hätte…

self-worth
Gregg Braden: „Borrowed“ from Colette V BaronReid

Wie mir ja schon vor längerer Zeit aufgefallen ist, spiegelt das Bogenschießen meine Lebensthemen. Und dazu gehören eben die negativen Glaubenssätze.

Es wird also darum gehen, mir positive Glaubenssätze einzuprogrammieren:
– ich darf schießen
– ich darf den Schuss gut aufbauen
– ich kann den Schuss gut aufbauen
– ich darf genießen!!!
– ich kann genießen!!!
– ich darf Erfolg haben, nämlich einen schönen Schuss
– ich darf diesen Erfolg genießen!!!

Und dann habe ich auch die Luft! Enge ich mich mental nicht ein, dann wird mir auch die Brust nicht eng. Asthma hat ja viel mit „Enge“ zu tun, und dazu gehört eben ganz stark, wenn man sich geistig einschränkt.
Ich werde mir auch einmal wieder die Atemübungen heraussuchen, wie man sich in Stresssituationen „Luft verschafft“.
Und ich werde das Thema der Glaubenssätze am Donnerstag in die Gruppe tragen. Jede von uns Teilnehmerinnen wird dazu etwas beitragen können, irgendwie ist es ja doch eher ein Frauen- als ein Männerthema. Die Gruppentherapie ist für mich immer wertvoll.

Anleitung zu: „Ändere deine Gedanken und hebe deinen Selbstwert“

Und das Genießen kommt jetzt unbedingt in meinen Schussablauf!
Ein bisschen mehr Genießen kann auch im allgemeinen Leben nicht schaden… 😉

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.